Wels Wahrheiten [Der Raubfisch]

Ultimativer Zielfisch oder unheilvolle Fressmaschine? Die Meinungen der Angler über den Wels gehen weit auseinander. Martin Friedrichs hat sich einige wissenschaftliche Studien zu dem Thema angeschaut.

Kaum eine Fischart wird so kontrovers diskutiert wie der Wels. Für etliche Raubfischangler zählt er zu den größ ten Herausforderungen, während andere Angler ihn als eine gebietsfremde Fressmaschine verteufeln, die andere Fischarten in ihrer Existenz bedroht. Doch was steckt dahinter? Sicher ist, dass sich die Fänge von Zwei-Meter-Welsen auch in Deutschland immer mehr häufen und immer neue Gewässer zur Heimat dieser Fischart werden.

Seine evolutionären Wurzeln hat der Wels (Silurus glanis) in Asien. Von hier aus breitete er sich in Richtung Westen aus. Im Wesentlichen nutzte er dafür die großen Flüsse Donau, Dnjepr und Wolga. Somit zählt auch Deutschland, zumindest teilweise, zu seinem ursprünglichen Verbreitungsgebiet. In Elbe und Donau ist die Art als heimisch anerkannt, im Rhein zum Beispiel sieht das ganz anders aus. Dort gilt sie als gebietsfremd, auch invasiv genannt. Die vielen, teilweise sehr kleinen Gewässer, in denen zunehmend Welse auftauchen, zählen aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht zum natürlichen Verbreitungsgebiet.

Wie rasant der Wels es schafft, ganze Ökosysteme zu erobern, sieht man besonders deutlich in Spanien. Hier hat sich der Räuber innerhalb weniger Jahre im ganzen Land verbreitet, mit teilweise dramatischen Folgen. Auf der iberischen Halbinsel waren die Fisch gemeinschaften nicht auf einen großen Raubfisch eingestellt. Die dortigen natürlichen Fischgemeinschaften sind durch eher kleinere Weißfischarten gekennzeichnet. Ein Paradies für Welse, und der Vergleich mit dem Fuchs im Hühnerstall drängt sich auf.

Man kann sich natürlich fragen, ob die Verbreitung des Welses innerhalb von Deutschland ähnliche Folgen haben kann. Sicher weiß das niemand, aber man kann sich die Biologie der Fische genauer an schauen.

Im Vergleich zum Hecht oder Zander ist das Beutespektrum des Welses wesentlich größer – vermutlich auch ein Grund, warum er als invasive Art so erfolgreich ist. In sechs von sieben europäischen Ländern, in denen der Wels eingebracht wurde, konnte er sich erfolgreich etablieren und vermehren. Generell geht man davon aus, dass er ein eher unspezifischer Räuber ist. Insgesamt wurden circa 50 verschiedene Fischarten in Mägen von Welsen nachgewiesen. Dabei hat es kaum eine Rolle gespielt, ob es sich bei der Beute um heimische oder ebenfalls invasive Fischarten handelte. Versuche haben aber auch gezeigt, dass es Präferenzen für Rotfedern, Bitterlinge und Rapfen im Beutespektrum des Welses gibt.

In Bezug auf Beute, haben insbesondere die „Tauben-Welse“ auf sich aufmerksam gemacht. Im Fluss Tarn in der südfranzösischen Stadt Albi – auch hier ist der Wels invasiv – hat sich eine Population von Welsen darauf spezialisiert, Tauben zu jagen, und zwar an Land. Die Welse pirschen sich
gezielt an und stranden dann kurzzeitig, um an der Uferlinie trinkende Tauben zu erbeuten. Auch von Hechten weiß man, dass sie immer wieder kleinere Wasservögel attackieren, aber dass ein Fisch strandet, um Beute zu machen, ist schon sehr außergewöhnlich.

NAHRUNGSSPEZIALISTEN

Wissenschaftliche Untersuchungen weisen darauf hin, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass Welse nicht nur Wasservögel, sondern eben auch andere Vögel regelmäßig auf dem Speiseplan haben. Dazu kommen kleinere Säugetiere. Diese Spezialisierung der Räuber auf eine ganz bestimmte Beute kann nun auch in Bezug auf die Wiederansiedlung des Lachses zu einem echten Problem werden.

Für den Fluss Garonne im Südwesten Frankreichs konnte gezeigt werden, dass Welse dort ihre Wanderungen mit den Laichwanderungen von Lachsen synchronisiert haben. Sie ziehen zur gleichen Zeit wie die Salmoniden flussauf, um dann innerhalb von Fischtreppen gezielt Jagd auf die Lachse zu machen. Das ist eine der ersten Studien dieser Art, und es bleibt offen, ob das ein Einzelfall ist oder ob Welse wirklich sehr schnell lernen, wo und wann sie am einfachsten Beute machen können.

Ein ganz anderes Problem, und ein viel greifbareres für viele deutsche Gewässer, hat eine weitere Studie aufgezeigt. Dabei geht es um Barsche, und speziell um deren Laich. Der Laich von Barschen ist eigentlich ziemlich robust. Weder Fische noch Wasserinsekten können mit diesem Material als Nahrungsquelle viel anfangen. Daher ging man eigentlich auch davon aus, dass der Fraßdruck auf Barschlaich in Bezug auf die Bestandsentwicklung der Fische zu vernachlässigen ist. Allerdings haben Wissenschaftler aus Tschechien immer wieder Barschlaich in den Mägen von Welsen gefunden. Untersuchungen an verschiedenen Seen haben nun gezeigt, dass Barschlaich regelmäßig von Welsen gefressen wurde. Meist sind es kleinere Welse, die sich davon ernähren, und die können so möglicherweise ein echtes Problem für die Barschbestände werden.

BEI UNS KEIN REGULATOR

Allerdings sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass die Wissenschaft bisher davon ausgeht, dass der Einfluss des Welses auf Fischartengemeinschaften, die an das Vorkommen von Räubern angepasst sind, eher als gering einzuschätzen ist. Das ist beispielsweise bei uns in Deutschland der Fall. Hechte wirken hier von jeher als Räuber auf die Weißfischbestände in nahezu allen Gewässern. Daher wird auch davon
abgeraten, den Wels als Top-Prädator einzusetzen, um Weißfischbestände zu regulieren. Man geht allerdings davon aus, dass der Wels in Einzelfällen dazu beitragen kann, andere invasive Arten, wie Krebse oder Grundeln, zumindest teilweise unter Kontrolle zu halten. Wie sinnvoll es ist, eine invasive Art mit einer anderen zu kontrollieren, bleibt aber sicher fraglich.

Die schnelle Verbreitung des Welses in den großen französischen, spanischen und teilweise deutschen Flüssen, wäre ohne Zutun des Menschen kaum möglich gewesen. Der Mensch verändert Ökosysteme so nachhaltig, dass ursprünglich sehr gut angepasste Arten eben nicht mehr zu hundert Prozent in diese veränderten Lebensräume passen. Das schafft Freiräume für neue Arten, wie eben den Wels.

Einem aktuellen Report des WWF zufolge, gehören Binnengewässer zu den Lebensräumen weltweit, in denen am meisten Arten aussterben und in denen die Populationsgrößen der vorkommenden Arten am dramatischsten abnehmen. Die Folge ist, dass sich invasive Arten umso einfacher in diesen geschädigten Ökosystemen etablieren und ausbreiten können.

FASZINATION IST VERSTÄNDLICH

Auch in Deutschland sind viele Fließgewässer extrem verbaut, und dieser naturferne Zustand bietet auch gebietsfremden Arten bessere Möglichlichkeiten sich zu verbreiten. Beispiele sind hier die verschiedenen Schwarzmeergrundeln oder eben auch der Wels im Rhein. Auf lange Sicht bedeutet das wiederum, dass unsere Binnengewässer möglicherweise immer gleichförmiger in ihrer Artzusammensetzung werden. Diese sogenannte Homogenisierung von Fischartengemeinschaften ist mittlerweile ein globales Problem.

Neben dieser eher indirekten Ausbreitungshilfe, haben besonders in Spanien und Frankreich Angler aktiv Welse in diverse Gewässer eingebracht. Eine Ursache dafür ist sicher die Faszination, die von diesem Fisch ausgeht. Die Kampfkraft und Größe dieser Räuber sucht, nachdem viele Störarten vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben sind, in heutigen Gewässern ihresgleichen. Welse mit Län gen von zwei Metern und mehr gehören immer mehr zum Alltag, auch in den deutschen Gewässern

Europas größter bisher bestätigter Wels stammt aus der Rhone in Frankreich. Der Fisch war 273 Zentimeter lang und 130 Kilogramm schwer. Aus dem Fluss Po ist ein Fisch bekannt mit 267 Zentimetern und 127 Kilogramm Gewicht und aus dem Ebro in Spanien immerhin ein Fisch mit 258 Zentimetern Länge und ebenfalls 127 Kilogramm. Auch wenn das schon sehr beeindruckende Zahlen sind, hört man häufig Erzählungen von Welsen, die noch weitaus größer sind.

Eine der bekanntesten Geschichten handelt von einem angeblich fünf Meter langen und 300 Kilogramm schweren Fisch aus dem Dnjepr in der Ukraine. Allerdings haben Wissenschaftler in einer kürzlich veröffentlichten Studie zeigen können, dass es sich bei diesem Fisch sehr wahrscheinlich um einen Stör handelt. Da die Originalaufnahme des Tieres keine eindeutigen Schlüsse zuließ, haben die Wissenschaftler Gewichts- und Größenangaben von Welsen aus verschiedensten europäischen Gewässern gesammelt. Das Ergebnis zeigte, dass ein fünf Meter langer Wels circa 800 Kilogramm wiegen müsste, umgekehrt wäre ein Fisch mit 300 Kilogramm „nur“ 370 Zentimeter lang. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass es sich bei dem Fisch mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht um einen Wels handelt

Auch wenn Welse vielleicht keine fünf Meter lang werden können, bleiben sie doch beeindruckende Kreaturen, die uns Angler häufig in ihren Bann ziehen. Bei all der Faszination sollte man allerdings auch immer den Einfluss eines solchen Tieres auf das Ökosystem im Auge haben.

ZUM NACHLESEN

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Vejrik, L., Vejrikova, I., Kocvara, L., Sajdlova, Z., Hoang The, S. C., Smejkal, M., et al. (2017). Thirty-Year-Old Paradigm about Unpalatable Perch Egg Strands Disclaimed by the Freshwater Top-Predator, the European Catfish (Silurus glanis). PloS ONE

Dieser Artikel ist im Magazin „Der Raubfisch“ in der Ausgabe 02/2019 erschienen. 

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