Auslese [Der Raubfisch]

Biss, Anhieb, Drill, Landung, und schon kann der Angler zum Fischzüchter werden. Wie und warum, erklärt Martin Friedrichs.

Wenn Menschen Tiere züchten, denkt man zunächst vielleicht an Hunde oder Kaninchen. Bei Fischen gehört der Spiegelkarpfen zu den bekanntesten Beispielen. Dass sich aber auch Angler selbst an der „Fischzucht“ von beispielsweise Räubern wie Hechten, Barschen oder Zandern beteiligen, scheint auf den ersten Blick absurd. Die Wissenschaft hat hier allerdings etwas anderes herausgefunden. Und das ist nicht unbedingt immer positiv.

In der Tierzucht wird versucht, die vom Menschen gewünschten Merkmale, zum Beispiel Größe, Farbe oder Verhaltensweisen, im Erbgut einer Art oder Rasse fest zu verankern. Das gelingt durch die entsprechende Auswahl der passenden Elterntiere über etliche Generationen. Und hier, bei der Auslese, kommen auch Angler ins Spiel. Sie entnehmen Elterntiere aus dem Gesamtbestand, die bestimmte Merkmale aufzeigen.

In einer Fischpopulation haben Einzeltiere natürlich auch unterschiedliche Eigenschaften. Nehmen wir zum Beispiel die Hechte eines Sees. Hier gibt es verschiedene Ausprägungen von Verhaltensweisen. Angler kennen das, einige Hechte stehen immer im Schilf, andere immer im Kraut und wieder andere sind fast ausschließlich im Freiwasser zu finden. Das ist zunächst kein Problem, doch häufig unterscheiden sich die Hechte auch in ihrer Fangbarkeit für Angler.

Dieses Phänomen konnte für Hechte schon mehrfach wissenschaftlich belegt werden. Durch die selektive Entnahme der Angler tendieren Hechte dazu, früher also mit geringerer Körperlänge geschlechtsreif zu werden. Das hat wiederum mögliche, negative Folgen für die Anzahl und Überlebensrate der Nachkommen. Schlimmer für den Angler aber ist, dass sich hauptsächlich die schlecht fangbaren Exemplare vermehren und dies mit höherer Wahrscheinlichkeit auch für ihre Nachkommen zutrifft.

Bei Regenbogenforellen führt die Entnahme durch Angler zum Beispiel dazu, dass hauptsächlich die aktiven und stressresistenten Tiere aus der Population entfernt werden. Inaktive und „scheue“ Tiere bleiben zurück. Und auch hier lassen sich diese dann schlechter fangen. Interessanterweise, konnte dasselbe Phänomen nicht für Bachforellen gezeigt werden und deutet darauf hin, dass die Entnahmeeffekte auf die Gesamtpopulation sehr artspezifisch sein können.

Verschiedene Managementregelungen, wie beispielsweise Mindestmaße und Entnahmefenster, führen zu unterschiedlichen „Zuchtergebnissen“. Es gibt bisher keine Maßnahme, die keinen Einfluss auf die Fischpopulation hat. Durch die gerichtete Entnahme „züchten“ wir immer in irgendeiner Weise unsere Fischbestände in die eine oder andere Richtung.

Angler würden sich sicher Bestände mit sowohl gut fangbaren, als auch „schlauen“ Tiere wünschen, also weniger Frust durch Schneidertage, aber auch eine gewisse Herausforderung. Unklar ist bisher, ob und wie ein solches Ziel überhaupt zu erreichen ist, zumal Bestände immer wieder durch Besatz aufgestockt werden. Und entsprechende Managementpläne müssen art- und gewässerspezifisch zugeschnitten werden.

ZUM NACHLESEN

Carlson, S. M., Edeline, E., Asbjørn Vøllestad, L., Haugen, T. O., Winfield, I. J., Fletcher, J. M., et al. (2007). Four decades of opposing natural and human induced artificial selection acting on Windermere pike (Esox lucius). Ecology Letters, 10(6), 512-521.
Matsumura, S., Arlinghaus, R., & Dieckmann, U. (2011). Assessing evolutionary consequences of size-selective recreational fishing on multiple life-history traits, with an application to northern pike (Esox lucius). Evolutionary Ecology, 25(3), 711-735.
Koeck, B., Závorka, L., Aldvén, D., Näslund, J., Arlinghaus, R., Thörnqvist, P.-O., et al. (2018). Angling selects against active and stress-resilient phenotypes in rainbow trout. Canadian Journal of Fisheries and Aquatic Sciences, 1-14. doi:10.1139/cjfas-2018-0085

Dieser Artikel ist im Magazin „Der Raubfisch“ in der Ausgabe 01/2019 erschienen. 

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