Muskelprotz [Der Raubfisch]

Schnell, schneller, Hecht! Martin Friedrichs berichtet über die bemerkenswerten Leistungen des Räubers bei Angriff und Flucht.

Nach längerem Aufenthalt in Skandinavien bin ich absoluter Fan der Oberflächenangelei. In den flachen und hechtreichen Gewässern ist es einfach absolut faszinierend, wenn ein Hecht aus dem Pflanzendschungel startet und in atemberaubender Geschwindigkeit den Köder attackiert. Häufig ist die Attacke so schnell, dass man erst realisiert, was passiert, wenn der Köder samt Hecht schon durch die Luft fliegt. Absolute Suchtgefahr!

Aber wie schnell ist so ein Hecht eigentlich? Um diese Frage zu beantworten, muss man zwei unterschiedliche Beschleunigungsmuster unterscheiden: den S-Start bei der Jagd und den C-Start bei der Flucht. Zunächst zur Jagd, also dem S-Start. Hier bildet der Fisch während des Starts, von oben betrachtet, ein „S“ mit seinem Körper. Dadurch erreicht der Hecht während der Attacke Beschleunigungen von mehr als 100 m/s 2 . Da ich mit diesem Wert genauso wenig anfangen konnte, wie vermutlich viele andere, mal ein Vergleich: Ein Auto, das von 0 auf 100 in vier Sekunden beschleunigt, hat eine mittlere Beschleunigung von 8 m/s 2 . Diesen Wert habe ich für einen Porsche gefunden.

Der Hecht ist also schon ziemlich sportlich, allerdings nur für eine sehr kurze Zeitspanne von weniger als 0,1 Sekunden während der Attacke. Die durchschnittliche Beschleunigung während des gesamten Angriffs beträgt etwas mehr als 25 m/s 2 (Harper & Blake, 1991). Damit ist er aber immer noch dreimal besser als der Porsche. Die gesamte Attacke eines Hechtes dauert in der Regel kaum länger als eine Sekunde. Auch wenn trockene Zahlen manchmal weniger spannend sind, diese sind zumindest sehr beeindruckend. Interessant ist, dass ein flüchtender Hecht noch höhere Beschleunigungen und auch Geschwindigkeiten erreicht. Hier kommt der sogenannte C-Start zum Einsatz. Der Fisch biegt sich in Form eines „C“, indem er die Muskeln auf einer Körperseite anspannt, und klappt dann wie ein gespannter Bogen auf die andere Seite. So bringt es der Hecht auf eine durchschnittliche Beschleunigung von fast 38 m/s 2 , also fast den fünfachen Wert des Porsches. Während der Fluchtbewegung werden sogar Spitzenwerten um die 120 m/s 2 erreicht.

Bei beiden Fortbewegungsmechanismen geht der Hecht absolut an seine muskulären Grenzen (Frith & Blake, 1995). Die erbrachte Leistung pro Kilogramm Muskelmasse beträgt bis zu 450 Watt. Das errechnete theoretische Maximum für Wirbeltiermuskeln liegt bei 500 Watt pro Kilogramm. Das macht die Attacke eines Hechtes zu einer muskulären Meisterleistung.Wenn man sich diese Zahlen vor Augen führt, lässt es sich eventuell leichter verschmerzen, dass beim Oberflächenangeln nicht jede Attacke auch zu einem gelandeten Fisch führt.

Literatur:
Frith, H. R., & Blake, R. W. (1995). The Mechanical Power Output and Hydromechanical Efficiency of Northern Pike (Esox lucius) Fast-Starts. The Journal of Experimental Biology, 198, 1863-1873.
Harper, D. G., & Blake, R. W. (1991). Prey capture and the fast-start performance of northern pike Esox lucius. Journal for experimental Biology, 155, 175- 192.

Dieser Artikel ist im Magazin „Der Raubfisch“ in der Ausgabe 05/2018 erschienen.

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