Kleine Köder, grosse Köder? [Der Raubfisch]

Groß fängt groß, diese Regel ist unter Hechtanglern weit verbreitet. Kann man sich darauf aber wirklich verlassen? Martin Friedrichs hat geschaut, was die Wissenschaft über das Beuteschema des Hechtes herausgefunden hat.

Ich möchte an dieser Stelle gar nicht erst damit anfangen, Vor- und Nachteile vom sogenannten „Big-Bait-Fischen“ aufzuzählen oder abzuwägen. Meine Vorliebe ist das Spinnfischen mit mittelgroßen Ködern um die 18 Zentimeter. Das Hechtangeln mit Köderfischen oder die Schleppangelei kann mich nicht so richtig begeistern. Meine Köder kann ich den ganzen Tag recht ermüdungsfrei fischen, ohne am nächsten Tag einen
Tennisarm zu haben. Allerdings würde ich mich auch nicht als Hechtprofi bezeichnen.

Ich fange zwar viele Fische, aber die Durchschnittslänge liegt vielleicht bei 60 Zentimetern – wenn überhaupt. Das kann natürlich viele Ursachen haben, aber eine Frage, die ich mir immer wieder stelle, lautet: Haben meine Köder die „richtige“ Größe, passen sie also optimal in das Beuteschema der Hechte? Theoretisch sollten wir mit unseren Ködern Beutefische imitieren, die von den Hechten am häufigsten gefressen werden. Aber deren Größe wiederum hängt aller Wahrscheinlichkeit nach auch mit der Größe des Hechtes zusammen. Zum Glück gibt es aber Wissenschaftler, die das genauer untersucht haben.

In der Biologie, speziell in der Ökologie, spielt die Frage nach der richtigen Beutegröße für einen Räuber eine wichtige Rolle. Bereits in der Mitte der 1960er Jahre wurden erste „Modelle“ veröffentlicht, die vorhersagen sollten, welche Beute für einen Räuber optimal ist (Pyke und andere, 1977). Daraus entstand später die Theorie der „optimalen Nahrungssuche“ (engl.: „optimal foraging“).

Verkürzt gesagt, geht man in der Theorie davon aus, dass Räuber die Nahrungsquelle bevorzugen, welche die größtmögliche Energieausbeute bietet. Für Hechtangler kann das zwei Dinge bedeuten. Auf einen einzelnen Beutefisch bezogen, könnte der Hecht versuchen, das größtmögliche Individuum zu fressen, welches er ohne Probleme schlucken kann. Dann müsste er gezielt nach Fischen dieser Größe suchen – wenn man davon ausgeht, dass alle Fischarten für ihn ungefähr den gleichen Nährwert haben.

Zum zweiten sollten Hechte, um sich optimal zu ernähren, die Nahrung bevorzugen, die am häufigsten vorkommt. Das würde bedeuten, dass nicht der einzelne Beutefisch im Fokus steht, sondern die Nahrungsquelle an sich. Das wäre dann zum Beispiel ein Beutefischschwarm oder, etwas allgemeiner, die im Gewässer am häufigsten vorkommende Größenklasse der Beutefische. Der Hecht müsste dann eventuell häufiger kleinere Exemplare – die natürlich auch eine kleinere Energiemenge liefern – jagen, die Anzahl der erbeuteten Individuen würde aber diesen Mehraufwand wettmachen und in Summe einen hohen Energieertrag liefern.

FRESSEN IM LABOR

Um zu erfahren, welche Beutegröße für den Hecht optimal ist, müssen wir wissen, dass Hechte sogenannte „Maulspalten-Limitierte Räuber“ sind. Das bedeutet, dass sie nicht einfach ein Stück aus ihrer Beute herausbeißen können, wie dies zum Beispiel Haie können. Wie bei den meisten anderen heimischen Raubfischen, muss die Beute des Hechtes im Ganzen geschluckt
werden.

Die maximale Größe der Beute steigt dabei natürlich mit der Größe des Hechtmaules. Laborversuche haben gezeigt, dass Hechte um die 40 Zentimeter Länge bereits Beutefische bis zu einer Länge von ungefähr 20 Zentimetern attackieren und fressen können (Nielsson & Brönmark, 2000). Bei 60 Zentimeter langen Hechten liegt die Maximallänge der Beute dann schon zwischen 26 und 30 Zentimetern.

Diese Maulspaltenlimitierung machen sich in der Natur auch viele potenzielle Beutefische zu nutze. Für Karauschen konnte zum Beispiel gezeigt werden, dass die Fische ihre Körperform anpassten, je nachdem, ob Hechte in Versuchsteichen vorkamen oder nicht (Brönmark & Miner, 1992).
Die Karauschen in den Versuchsteichen mit Hechten entwickelten eine hochrückigere Körperform im Vergleich zu den Artgenossen ohne Räuber. Die Wissenschaftler haben daraus gefolgert, dass die erhöhte Körperform die Karauschen eher davor schützt, von Hechten gefressen zu werden, obwohl sie von der Länge her normalerweise in deren Beutespektrum passen.

Ein Aquarienversuch mit Barschen hat zu einem sehr ähnlichen Ergebnis geführt (Eklöv & Jonsson, 2007). Auch hier haben die jungen Barsche in Anwesenheit eines Hechtes dazu tendiert, eine höhere Körperform auszubilden. Die Wissenschaftler haben daraus ebenfalls geschlossen, dass die Barsche so aus dem Beutespektrum des Räubers herausfallen. Lässt man Hechten übrigens die Wahl zwischen Plötzen (Rutilus rutilus) und Brassen (Abramis brama), werden bevorzugt die Plötzen gefressen (Nielsson & Brönmark, 2000).

DIE BEARBEITUNGSZEIT

Wenn man allein von der maximalen Beutegröße, die Hechte bewältigen können, ausgeht, fische vermutlich nicht nur ich, sondern ein Großteil aller Hechtangler viel zu kleine Köder. Der optimale Beutefisch für einen Meterhecht wäre immerhin 50 Zentimeter lang oder sogar noch länger. Allerdings ist die Anzahl solcher potenziellen Opfer, im Vergleich zu der Anzahl an kleineren Beutefischen, in einem Gewässer oftmals verschwindend gering.

Und die Wissenschaftler haben noch einen zusätzlichen, sehr wichtigen Aspekt zu diesem Thema untersucht, die sogenannte „Bearbeitungszeit“ (engl.: „handling time“). Sie gibt an, wie lange eine Beute vom Hecht bearbeitet werden muss, bevor sie geschluckt werden kann. Beim Ansitzangeln kennt man die klassische Zigarettenlänge, bevor man anschlägt, weil der Köderfisch erst noch im Hechtmaul gedreht werden muss. Die Bearbeitungszeit steigt an, je größer die Beute im Verhältnis zur Größe des Hechtes wird. Und damit steigt auch das Risiko, dass der gepackte Beutefisch doch noch entwischen kann.

Das kann man sich leicht bildlich vorstellen. Ein 60 Zentimeter langer Hecht benötigt wesentlich mehr Zeit, um eine 30 Zentimeter lange Plötze zu drehen und dann zu schlucken als für eine Plötze mit 15 Zentimetern Länge. Das Risiko für den Hecht, dass die große Plötze entkommt, ist also entsprechend höher. Hechte „wissen“ das entweder instinktiv oder machen entsprechende Erfahrungen. Das bedeutet für uns bei der Köderwahl, dass wir die optimale Ködergröße nicht einfach aus der Länge des Zielhechtes errechnen können.

KLEINER, ABER ÖFTER

Die genannten wissenschaftlichen Experimente und viele weitere kommen immer wieder zu dem Ergebnis, dass Hechte häufig nicht das mögliche Maximum hinsichtlich der Beutegröße ausschöpfen und oft kleinere Beutefische bevorzugen, wenn sie die Wahl haben. Das heißt, sie jagen und fressen dann einfach häufiger. Vermutlich ist dies der Verfügbarkeit an Beutefischen und der Bearbeitungszeit geschuldet.

Besonders eindrucksvoll wurde dies in einer amerikanischen Studie gezeigt
(Gaeta und andere, 2018). Für verschiedene Süßwasserräuber – leider meist amerikanische Arten – wurde das Verhältnis von der Körperlänge des Räubers zur Körperlänge der Beute untersucht, und das über den sehr langen Zeitraum von 1976 bis 2013. Bei Hechten kamen hier letztlich die Daten von knapp 800 Exemplaren und mehr als 2200 Beutefischen aus zwei verschiedenen Seen zur Auswertung.

Das wesentliche Ergebnis dieser Studie: Die bevorzugte Beutegröße der Hechte steigt nicht proportional mit der Länge der Hechte an. Größere Hechte bevorzugen also nicht unbedingt auch größere Beutefische. Am
häufigsten wurden Fische bis circa 20 Zentimeter von Hechten verschie-
denster Größenklassen gefressen.

Das sind natürlich gute Nachrichten für meine Angelei. Ich kann also weiterhin unbesorgt mit meinen 18-Zentimeter-Ködern fischen und zurecht
darauf hoffen, einen Meterhecht zu erwischen.

BEUTEGRÖSSEN INTERAKTIV

Die amerikanischen Wissenschaftler aus der Gruppe von Herrn Gaeta haben aus ihren Ergebnissen das interaktive Räuber-Beute-Längentool (engl.: „Interactive Predator-Prey Length Tool“) entwickelt. Es ist im Internet (https://lakeecologylab.org/pred_ prey/) frei zugänglich und, wie ich finde, ganz spannend.

Viele der dort aufgeführten Räuber kommen zwar bei uns nicht vor, aber für den Hecht lässt es sich super nutzen. Dazu wählt man die Art „Northern Pike“ und die Länge seines Zielfisches in Millimetern (!). Als Antwort erhält man ein Diagramm, welches anzeigt, welche Beutefischgröße von Hechten dieser Länge relativ am häufigsten gefressen wurden. Für einen Meterhecht (1000 mm) zum Beispiel sieht man ein deutliches Maximum der Kurve bei Beutefischen um die 100 mm Länge. Allerdings werden auch 200 mm lange Beutefische noch relativ häufig gefressen, zumindest genauso häufig wie Beutefische um die 400 mm.

Die Ergebnisse sind hier auch für den Walleye, einem nahen Verwandten unseres Zanders, verfügbar. Inwieweit sie allerdings auf unsere Stachelritter übertragbar sind, wage ich nicht zu beurteilen.

Die wissenschaftlichen Studien:

  • Pyke, G. H., Pulliam, H. R., & Charnov, E. (1977). Optimal Foraging: A selective Review of Theory and Tests. The Quarterly Review of Biology, 52(2), 137-154.
  • Nielsson, P. A., & Brönmark, C. (2000). Prey vulnerability to a gape-size limited predator: behavioral and morphological impacts on northern pike piscivory. OIKOS, 88.
  • Brönmark, C., & Miner, J. G. (1992). Predator-Induced Phenotypical Change in Body Morphology in Crucian Carp. Science, 258, 1348-1350.
  • Eklöv, P., & Jonsson, P. (2007). Pike predators induce morphological changes in young perch and roach. Journal of Fish Biology, 70(1), 155-164. doi:10.1111/j.1095-8649.2006.01283.x
  • Gaeta, J. W., Ahrenstorff, T. D., Diana, J. S., Fetzer, W. W., Jones, T. S., Lawson, Z. J., et al. (2018). Go big or … don‘t? A field-based diet evaluation of freshwater piscivore and prey fish size relationships. PloS ONE, 13(3), e0194092. doi:10.1371/journal.pone.0194092

Dieser Artikel ist im Magazin „Der Raubfisch“ in der Ausgabe 04/2018 erschienen. 

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