Großhecht-Fieber [Der Raubfisch]

Meterhechte – wo, warum und wie alt? Fischereibiologe Martin Friedrichs versucht mithilfe der Wissenschaft etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Zunächst einmal kann man Angler in Deutschland beruhigen, man muss keine weiten Reisen auf sich nehmen, um wirklich große Hechte zu fangen. Hechte wachsen fast überall gleich gut, egal ob in Großbritannien, Schweden, Nord-Amerika oder eben in Deutschland. Zu diesem Schluss kam zumindest eine vor einigen Jahren veröffentlichte Meta-Studie, die die Ergebnisse einer Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten zusammengefasst hat. Lediglich im westlichen Russland scheinen Hechte langsamer als im weltweiten Vergleich zu wachsen. Doch warum ist das so?

Eine mögliche Ursache, die zunächst einmal sehr einleuchtend erscheint, ist die Temperatur. Die liegt möglicherweise in dieser Region häufiger außerhalb der optimalen Bedingungen für ein gutes Hechtwachstum. In den frühen Lebensstadien sind Wassertemperaturen zwischen 19 und 21 Grad Celsius beziehungsweise bis zu 26 Grad optimal. Sie sorgen für sehr schnelles Wachstum. Bei höheren Temperaturen ist das Wachstum reduziert, und ab 29 Grad Celsius kommen die Fische an ihre Grenzen. Werden die Hechte größer, verändert sich die Temperatur für das optimale Wachsum und liegt dann bei 24 Grad. In diesem Bereich bewegen sich viele unserer heimischen Gewässer über den Jahresverlauf.

Klar ist, je länger ein Gewässer diese Temperaturen hat, umso schneller und besser wachsen dort die Hechte. Doch was heißt denn eigentlich „schneller wachsen“? Wie alt ist ein Hecht im Schnitt, wenn er zum Beispiel die magische Metermarke durchbricht? Natürlich ist auch das von extrem vielen Faktoren abhängig, auf einen soll hier zunächst etwas genauer eingegangen werden: Fluss gegen See. Warum? Für mich war immer klar, dass Hechte typische Räuber der Stillgewässer sind, doch in der oben erwähnten Meta-Studie von Rypel zeigte sich – zumindest global betrachtet -, dass Hechte in stehenden und fließenden Gewässern gleiche Wachstumsraten aufweisen. Sollten die Hechte in beiden Gewässerarten also gleich alt werden, kann man erwarten, dass man sowohl in Seen als auch in Flüssen sehr große Exemplare fangen kann.

Betrachtet man allerdings einige Einzelstudien etwas genauer, lässt sich vermuten, dass Stillgewässer die besseren Hechtgewässer sind. Im südenglischen Fluss Frome zum Beispiel war im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie die älteste gefangene Hechtdame mit zwölf Jahren zwar recht alt, wies dabei aber nur eine Länge von 106 Zentimetern auf. Das mit fünf Jahren älteste Männchen in dieser Untersuchung hatte eine Länge von 73 Zentimetern. Im Fluss Stour, der ebenfalls untersucht wurde, brachte es der älteste Hecht auf zehn Lebensjahre. Dieses Männchen war aber nur 77 Zentimeter lang. Das älteste Weibchen erreichte mit 94 Zentimetern trotz des hohen Alters von neun Jahren nicht die Meter-Marke.

ÜBERRASCHUNG IM BAIKALSEE

Für Stillgewässer sehen diese Zahlen häufig doch deutlich anders aus, wobei auch erwähnt werden sollte, dass es zu Stillgewässern wesentlich mehr Untersuchungen gibt. Eine wissenschaftliche Arbeit, die wirklich erstaunliche Zahlen hervorgebracht hat, stammt von einer Hechtpopulation aus dem Baikalsee. Zwar war auch hier der älteste Hecht nur zehn Jahre alt
und wies dabei auch eine Länge von „nur“ 111 Zentimetern auf. Nur, weil dort bereits die dreijährigen Hechte Längen von 81 Zentimetern erreichten. Der Baikalsee weist damit im weltweiten Vergleich eine sehr hohe Wachstumsrate der Hechte in den ersten Jahren auf. Die erreichte Totallänge von 111 Zentimetern nach neun Lebensjahren bewegt sich dann allerdings im normalen Bereich, sogar mit einer Tendenz zum unteren Durchschnitt. Nichtsdestotrotz gibt es Belege für den Baikalsee von wirklichen großen Fischen bis zu 20 Kilogramm Gewicht.

Studien in Seen der USA brachten ähnliche Ergebnisse. Hier wurden Hechtfänge über lange Zeiträume untersucht. Es wurden bis zu 13 Jahre alte Fische mit einer Maximallänge von 121 Zentimetern gefangen. Der mit 15 Kilo schwerste Hecht war aber nur knapp einen Meter lang. Dies zeigt sehr deutlich, dass nur, weil ein Hecht sehr schwer ist, er nicht gleichzeitig sehr lang sein muss. Außerdem soll nicht unerwähnt bleiben, dass von knapp 530 Hechten nur einer 13 Jahre und lediglich sechs Fische über zehn Jahre alt waren. Der Großteil hatte bei einer Durchschnittslänge von knapp 65 Zentimetern lediglich vier Lebensjahre auf dem Buckel. Meterhechte gelten also zurecht als Ausnahmefische.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen relativ deutlich, dass Seen doch die besseren Hechtgewässer sind. Die Fische werden hier deutlich älter und unter Umständen auch deutlich länger und schwerer. Man könnt vermuten, dass zum Beispiel die Temperaturen in Seen häufiger den Vorlieben der Hechte entsprechen. Allerdings kann es auch sein, dass die Strömung in einem Fluss dazu führt, dass Hechte mehr Energie investieren müssen, um an ihrem Standplatz zu bleiben und daher weniger Energie für Wachstum bereitsteht.

Junge Hechte sind noch extrem effektiv, wenn es darum geht, aufgenommene Energie in Wachstum „umzuwandeln“. Im Schnitt werden in den ersten Lebensjahren 60 Prozent der aufgenommenen Energiemenge in Wachstum umgesetzt. Und junge Hechte wachsen in Gewässern ohne Beutefische nicht langsamer als ihre Artgenossen in Gewässern mit Beutefischen. Der Grund: Die jungen Hechte fressen dann zum Großteil Insekten. Mit zunehmendem Alter nimmt der Prozentsatz der in Wachstum umgesetzten Energie allerdings stark ab. Hechte ab einem Alter von zehn Jahren investieren lediglich noch 20 Prozent der aufgenommenen Energiemenge in das Wachstum. 80 Prozent werden zur Aufrechterhaltung der lebensnotwendigen Körperfunktionen benötigt. Steht dann zum Beispiel kaum geeignete Beute zur Verfügung, wachsen sie extrem langsam.

Demnach ist das Wachstum von einem Hecht ganz wesentlich von seiner Jagdeffektivität und der Beuteverfügbarkeit abhängig. Letztere hängt wiederum extrem von den Bedingungen in einem Gewässer ab. Während zum Beispiel Barsche in der Lage sind, ihre Jagdstrategien verschiedenen Bedingungen anzupassen, scheinen Hechte das nicht zu schaffen. Sie bleiben die klassischen Lauerjäger und haben beispielsweise keine Möglichkeit, in der Gruppe zu jagen, wie es die Barsche machen. Anhand des Jagdverhaltens lassen sich sogar verschiedene Hechtypen unterscheiden. Entweder lauern sie in der Deckung, meist Schilf oder Unterwasserpflanzen, und attackieren ihre Beute aus dem Hinterhalt, oder aber sie bevorzugen das Freiwasser als Jagdrevier.

SALZHAUSHALT UND WACHSTUM

Unabhängig davon wachsen Hechte in klaren Gewässern deutlich schneller als ihre Artgenossen, die im Trüben jagen. In einem extrem tiefen, klaren Maränensee in Norwegen waren Hechte nach fünf Jahren bereits knapp 80 Zentimeter lang. In benachbarten, aber trüberen Gewässern, erreichten Hechte diese Größe erst nach mehr als zehn Jahren. Und das obwohl in den trüberen Gewässern prinzipiell mehr Beute zur Verfügung stand. Vermutlich bedeutet geringere Sicht weniger Jagderfolg und damit ein deutlich langsameres Wachstum. Über viele Seen und Jahre betrachtet, sind Hechte bei gleicher Größe aus klaren Gewässern deutlich schwerer. Wer Großhechte fangen will, ist demnach an klaren Gewässern sicher nicht verkehrt. Dieser Trend lässt sich auch im Jahresverlauf verfolgen, denn zum Ende des Jahres hin fressen Hechte deutlich mehr. Natürlich müssen sie sich für den bevorstehenden Winter rüsten, aber die Jagderfolge steigen auch, einfach weil das Wasser klarer wird. Dies scheint zunächst im Widerspruch zu den vielen Meterhechten zu stehen, die in unseren Boddengewässern gefangen werden. Denn die Bodden sind durch den Einfluss der Ostsee weder besonders warm, noch sind sie besonders klar. Die Erklärung liefern die bereits erwähnten Energiemengen zum Aufrechterhalten der lebenswichtigen Körperfunktionen. Der Salzhaushalt der Fische spielt dabei eine wesentliche Rolle.

Im Meer ist das umgebende Wasser salzhaltiger als die Körperflüssigkeit des Fisches. Daher verlieren die Fische aufgrund der sogenannten Osmose über die Körperoberfläche ständig Wasser an die Umgebung und müssen die Verluste durch Trinken des Meerwassers wieder ausgleichen. Damit nehmen sie aber auch überschüssige Salze auf, die wieder aktiv unter Energieverlust ausgeschieden werden müssen. Im Süßwasser ist es genau umgekehrt. Die Salzkonzentration in der Umgebung ist niedriger als die im Körper des Fisches. Daher dringt ständig Wasser ein, das der Fisch wieder loswerden muss. Damit gehen aber auch wichtige Salze verloren, die der Fisch dann wieder aktiv über spezielle Zellen in den Kiemen aus der Umgebung aufnehmen muss. Diese Prozesse benötigen sowohl im Süß- als auch im Salzwasser viel Energie.

Brackwasser ähnelt in Bezug auf die Salzkonzentration eher der Körperflüssigkeit der Fische. Die Osmose findet daher hier nur in geringem Ausmaß statt. Allein das erleichtert viele Stoffwechselvorgänge ungemein, und somit steht den Boddenhechten mehr der durch die Nahrung aufgenommenen Energiemenge für das Wachstum zur Verfügung. Süßwasserfische wachsen auch ganz allgemein in brackigem Wasser besser als im Süßwasser. Das gilt beim Hecht allerdings nur für ältere Fische. Aus Versuchen in der Fischzucht weiß man, dass das Gewicht von Junghechten, die in Brackwasser aufgezogen werden, deutlich niedriger ist als das
von Hechten, die in Süßwasser aufgezogen werden.

ZU FETT IST KONTRAPRODUKTIV

Viele der in den Bodden und Ostsee lebende Hechte machen daher auch regelrechte Laichwanderungen. Sie ziehen zur Fortpflanzung in Regionen mit geringerem Salzgehalt. Dort ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Eier gut entwickeln und die Junghechte besser wachsen, höher. Wissenschaftler konnten zeigen, dass viele Bodden- und Ostseehechte zum Laichen sogar in Flüsse ziehen und dort weit hinauf wandern. Besonders erstaunlich ist dabei, dass etliche Fische, genau wie Lachse, ihre Geburtsflüsse aufsuchen. Nach dem Laichen wandern die Elternfische dann wieder in salzhaltigere Regionen. Die Boddengewässer und die Ostsee bieten also für größere Hechte sehr gute Wachstumsbedingungen, für den Nachwuchs sind die dortigen Bedingungen hingegen nicht optimal.

Brackwasser sorgt also für Energieeinsparungen beim Stoffwechsel und ein gutes Futterfischangebot. Wichtig für das Wachstum ist neben der Nahrungsmenge aber auch die Nahrungsqualität. Dazu hat man unter anderem Versuche zum Fettgehalt durchgeführt, denn Fett ist ein lebensnotwendiger Bestandteil der Nahrung. Es wurden die Wachstumsraten von jungen Hechten verglichen, von denen eine Gruppe mit Forellenpellets (Fettgehalt 21 Prozent), die andere mit Ukelei gefüttert wurden. Diese Fischart hat einen Fettgehalt von etwa vier Prozent. Die Ergebnisse zeigten, dass sich bei jungen Hechten eine zu fetthaltige Nahrung negativ auf die Wachstumsraten auswirkt. Die Ernährung mit Forellenpellets führte zwar dazu, dass sich auch Fett in den Filets angesammelt hat, die Hechte sind deswegen aber nicht besser gewachsen. Die Nährstoffzusammensetzung der Pellets war schlicht nicht optimal für die jungen Hechte oder, anders gesagt, die Nahrung war wahrscheinlich einfach zu fett. Der Hering zum Beispiel hat einen mittleren Fettgehalt von circa zehn Prozent. Man könnte vermuten, dass er damit gegenüber dem Ukelei eine bessere Nahrungsquelle ist. Der Hering liefert eine gute Menge an Energie für das Wachstum. Und das ohne dabei unnatürlich viel Fett
bereit zu stellen, wie es zum Beispiel bei den Forellenpellets der Fall ist. Diese womöglich hochwertige Nahrung kommt dem Wachstum der Hechte natürlich zu gute.

Diese Vermutung lässt sich vielleicht mit dem Fettgehalt der Maräne untermauern. Man weiß, dass Hechte in Maränenseen häufig sehr gut abwachsen und sich zum Teil auf diese Beute spezialisiert haben.
Die Märane hat mit knapp 7,5 Prozent einen ähnlichen Fettgehalt wie der Hering und auch wesentlich mehr Fett als der oben erwähnte Ukelei. In der richtigen Menge scheint Fett das Hechtwachstum also durchaus positiv zu beeinflussen.

Fasst man die Ergebnisse vieler wissenschaftlicher Untersuchungen zusammen, lässt sich sagen, dass in einem Gewässer letztlich mehrere Faktoren zusammen kommen müssen, damit dort ein Hecht die Metermarke erreicht.

Eine Auflistung der wissenschaftlichen Arbeiten zum Wachstum der Hechte finden Sie unter www.raubfisch.de

Dieser Artikel ist als Teil der Artikelserie „Großhechtfieber“ (Vollständig im PDF) im Magazin „Der Raubfisch“ in der Ausgabe 02/2018 erschienen.

Artikel als PDF (Achtung in der Druckversion sind ein paar Zeilen verrutscht)